#2 Soziales Netz
Menschen mit Beeinträchtigung können gar keine richtige Arbeit machen – mit diesem Vorurteil räumen die Sozialgenossenschaften in Südtirol auf. Sie zeigen, wie Menschen mit Handicap nicht nur gemeinsam arbeiten, Freude an ihrem Job haben, sondern auch Geld verdienen.

Fritz Mayer (Name von der Redaktion geändert), 42 Jahre, geht gerne zur Arbeit: „Diese Arbeit ist der Grund, warum ich es schaffe, mich anzuziehen, zu essen – zu leben“, sagt er. Was diese Worte für eine Bedeutung haben, mögen Außenstehende kaum erahnen. Mayer war nach einer sehr schwierigen Phase mit psychischen Problemen in die Kreativwerkstatt der Sozialgenossenschaft Clab gekommen, wo sich sein Leben zwischen Bücherbinden, Falten von Origamis für Dekorationen und Illustrieren von Prospekten langsam wieder normalisierte. Ganz wichtig war es für ihn, in dieser Zeit in einer Gruppe zu sein, akzeptiert zu sein, gemeinsam zu lernen, zu arbeiten und durch die Arbeit auch etwas bewirken zu können – genau das konnte er bei Clab. „Inzwischen kann er einer ‘normalen’ Arbeit nachgehen und genau das ist das Ziel, das wir verfolgen: Menschen mit Beeinträchtigung, angepasst an ihre Bedürfnisse, so zu auszubilden und zu trainieren, dass sie auch woanders arbeiten können“, erklärt Francesca Peruz, die Präsidentin des Verwaltungsrats von Clab. 15 Menschen trainieren derzeit bei Clab, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen und werden dafür auch bezahlt. „Wir kombinieren sozusagen bei der Sozialgenossenschaft eine soziale mit einer wirtschaftlichen Komponente. Sämtliche Produkte, die wir herstellen, von den Papierfalt-Dekorationen über die Bücher, die wir binden, bis zu den Webseiten, die wir gestalten, werden bezahlt“, sagt Peruz. Firmen, aber auch private Kunden beauftragen Clab oder kaufen Produkte im hauseigenen Geschäft in der Bozner De-Lai-Straße 5. Das Ambiente in der Kreativ-Werkstatt von Clab ist hell und einladend, mit großen Fenstern, großen Tischen und verschiedenen Arbeitsplätzen. Es gibt jede Menge buntes Papiermaterial und Prototypten von neuen, gemeinsam entwickelten Produkten. Alle sind mit Eifer an der Arbeit und ebenso wichtig ist die gemeinsame Pause im Gruppenraum, wo geplaudert, erzählt und gelacht wird.

In clab-Werkstatt gehen 15 Menschen mit Beeinträchtigung einer regelmäßigen Arbeit nach.

Geplaudert, erzählt und gelacht wird auch in der Landhausbar, gleich gegenüber des Bozner Bahnhofs. Diese wird von der Sozialgenossenschaft Renovas geführt. In der Küche, hinter der Theke, und im Aufenthaltsbereich sind unter den insgesamt 15 Mitarbeitern auch Menschen mit Beeinträchtigung und Personen mit sozialer Benachteiligung Benachteiligung, die im Rahmen von Arbeitsintegrationsprojekten und Praktika im Einsatz sind. Zuerst übernehmen sie kleinere Arbeiten und helfen mit, bald lernen sie eigenständig die Gäste mit den gewünschten Speisen und Getränken zu versorgen. „Arbeit ist für unsere Mitarbeiter nicht nur wichtig, um Geld zu verdienen, sondern auch um Wertschätzung zu bekommen und soziale Kontakte zu knüpfen“, betonen Franziska Gruber von der Geschäftsleitung und Koordinatorin Simone Teutsch von Renovas. „Das Schöne ist, dass nicht nur die Menschen mit Beeinträchtigung und Benachteiligung, die wir hier trainieren bzw. die bei uns mitwirken, in Kontakt mit anderen Menschen kommen, sondern dass jeder, der in die Bar kommt, die Arbeitsintegration sozusagen selbst miterlebt und für das Soziale sensibilisiert wird“, sagt Teutsch. Renovas handelt, ebenso wie Clab, unternehmerisch auf der einen Seite und gleichzeitig sozial auf der anderen.

 

Sowohl Clab als auch Renovas wollen Qualität auf zwei Ebenen erreichen. Einerseits Menschen, die nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt finden, bestmöglich und mit einem maßgeschneiderten Programm unterstützen, und andererseits qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen anbieten. Im Mittelpunkt stehen dabei, wie bei den Sozialgenossenschaften üblich, der Mensch und der gemeinsame Einsatz.

„Wir kombinieren sozusagen bei der Sozialgenossenschaft eine soziale mit einer wirtschaftlichen Komponente." Francesca Peruz

Aktuell sind in Südtirol im Landesregister der genossenschaftlichen Körperschaften 231 Sozialgenossenschaften eingetragen. „Was die Einrichtung der Sozialgenossenschaften anbelangt, sind wir im Vergleich mit anderen Ländern auf gesamtstaatlicher Ebene Vorreiter – auch das regionale Gesetz zu den Genossenschaften für soziale Solidarität von 1988 war beispielhaft für das entsprechende Staatsgesetz von 1991“, erläutert Manuela Paulmichl, Direktorin im Landesamt für die Entwicklung des Genossenschaftswesens. Charakteristisch für die Sozialgenossenschaften in Südtirol sei ihre Kleinstrukturiertheit und der hohe Anteil an ehrenamtlicher Arbeit, erklärt Paulmichl.

 

Von den Sozialgenossenschaften in Südtirol verfolgen 127 sozio-sanitäre, kulturelle und erziehungsbezogene Dienstleistungen und gehören somit zum Typ A der Sozialgenossenschaften. Sie organisieren beispielsweise Kindertagesstätten, kümmern sich um Flüchtlingsintegration oder bieten Erziehung und Werkstätten für Menschen mit Benachteiligung an, wie beispielsweise die Sozialgenossenschaft Clab. 94 Sozialgenossenschaften gehören zum Typ B. Ihr Ziel ist es, sozial Benachteiligte durch Tätigkeiten in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie, Handel und Dienstleistung in die Arbeitswelt einzugliedern. In diesen Genossenschaften müssen mindestens 30 Prozent der Arbeitnehmer sozial benachteiligte Personen sein wie z.B. bei der Renovas. Daneben zählt Südtirol noch sieben Konsortien von Sozialgenossenschaften. Seit 2017 gibt es zudem drei Genossenschaften mit gemischter Tätigkeit, also Arbeitsintegration und sozio-sanitäre Dienstleistungen, wie z.B. die Genossenschaft EOS.

In der Landhausbar in Bozen werden Menschen mit Beeinträchtigung in die Arbeitswelt integriert.

Neben den Sozialgenossenschaften gibt es unter den rund 800 im Landesregister der genossenschaftlichen Körperschaften noch weitere, die sich um Arbeitsintegration kümmern. Ein Beispiel dafür ist die gwb – Genossenschaft.Werkstätten. Begleitung mit 100 Mitgliedern, die Menschen mit Behinderung oder einer psychischen Erkrankung in ihren beruflichen und sozialen Kompetenzen stärkt, weiterentwickelt und ihnen somit eine Lebensperspektive gibt. Sie wird von Ehrenamtlichen verwaltet und bekommt bis zu 70 Arbeitsaufträge von privaten und öffentlichen Betrieben für die Montage, das Sortieren, das Verpacken oder das Anfertigen von Artikeln aus Südtiroler Holz. „Vor kurzem wurden für die Sozialgenossenschaften die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen, um auch im Sanitätsbereich tätig zu sein“, sagt der für die Genossenschaften zuständige Landesrat Thomas Widmann. Diese Entwicklung aber auch die Neuerungen auf nationaler Ebene wie etwa die Überarbeitung der Form der Genossenschaften müssten in den kommenden Monaten genauer beobachtet werden, so Widmann. „Bei allen anstehenden Neuerungen werden wir vor allem darauf achten, dass die Bedürfnisse Südtirols so gut wie möglich berücksichtigt werden“, unterstreicht der Landesrat.

 

Aktuell unterstützt das Land die Sozialgenossenschaften, die laut Definition das allgemeine Interesse der Gemeinschaft, und zwar die menschliche Förderung und die soziale Integration fördern, nicht nur ideell, sondern vor allem auch finanziell: Insgesamt 1,5 Millionen Euro kommen den Sozialgenossenschaften pro Jahr für Investitionen und Kapitalbeschaffung wie etwa den Kauf von Maschinen und Geräten sowie die Weiterbildung und Beratung aber auch die Revision zugute. Diese Förderungen laufen über das Landesamt für die Entwicklung des Genossenschaftswesens. Das Land unterstützt außerdem die Genossenschaften, die auf Arbeitseingliederung abzielen (Typ B) über die Abteilung Soziales mit rund 3,5 Millionen Euro jährlich in Form von Beiträgen von 70 Prozent auf die Lohnkosten. Derzeit arbeiten in diesen Sozialgenossenschaften laut Luca Critelli, Direktor der Abteilung Soziales, 450 eingegliederte benachteiligte Personen. Durch die Förderung sollte möglichst vielen Menschen mit Beeinträchtigung zu einer „wirklichen“ Arbeit verholfen werden, sagt Critelli. „Wichtig ist, dass wir möglichst vielen Menschen mit Beeinträchtigung in Südtirol die Möglichkeit geben, ihren Bedürfnissen entsprechend arbeiten zu können, sich weiterzuentwickeln und den Sprung in die Arbeitswelt zu schaffen. Wenn dieser Prozess von allen gemeinsam getragen wird, profitiert letztendlich die Gesellschaft als Ganzes“, sagt Soziallandesrätin Waltraud Deeg. Die Mitarbeiter von Clab nutzen gern ihre zum Markenzeichen gewordene kunstvoll gefaltete Papierblume Kusudamaals Symbol für dieses gemeinsame Arbeiten für die Gesellschaft. Nicht jeder kann alle Teile der Blume allein falten, aber alle zusammen können eine wunderschöne Blume basteln, die auch als Glückbringer gilt.

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