Das Gesundheitspersonal ist seit einem Jahr besonders gefordert. LP hat mit einigen von ihnen über ihren Alltag und dessen Herausforderungen gesprochen.

Als sich am 18. März 2020 die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache mit einem dramatischen Appell an die Bevölkerung richtete, schlug ihr dafür zunächst viel Skepsis und Kritik entgegen. „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“, sagte Merkel damals. Heute, ein Jahr später, hat dieser Appell nichts an Aktualität verloren. Diese Pandemie hat erstmals in der Geschichte die gesamte Welt erfasst und verändert nach wie vor unser aller Leben grundlegend. Vor diesem Hintergrund soll das Geschehen in unserer unmittelbaren Umgebung, auf gesamtstaatlicher und lokaler Ebene beleuchtet werden. Trotz des enormen Einsatzes in den vergangenen 12 Monaten sind in Italien bisher über 97.000 Menschen (Stand zum 1. März 2021, A.d.R.) mit oder an Covid-19 verstorben, über 2,9 Millionen Italienerinnen und Italiener haben sich bisher mit dem Virus infiziert, rund 400.000 gelten derzeit noch als positiv. Die tägliche Übersicht vermeldete zwischenzeitlich über 300 neue Todesfälle und über 10.000 positive Tests am Tag.
Auf Landesebene unterscheidet sich die aktuelle Lage nicht wesentlich von der gesamtstaatlichen. Anfang März ist Südtirol orange Zone, allerdings mit den Regeln der roten Zone, die Todesfälle haben mittlerweile die 1000er-Marke überschritten, zeitweise waren über 450 Menschen stationär aufgenommen, über 42 davon in der Intensivstation, zusätzlich 3 weitere auf Intensivstationen im Ausland. Rund 8.000 Menschen befinden sich Anfang März in Quarantäne bzw. in häuslicher Isolation. Vor diesem Hintergrund beleuchtet LP den Einsatz, den die Frauen und Männer im Gesundheitsbereich derzeit täglich leisten. Seit über einem Jahr arbeiten sie quasi im Dauerkrisenmodus, vielfach unter Druck und ohne Möglichkeit sich wirklich zu erholen. Bisher haben sich 1.846 Mitarbeiter des Südtiroler Sanitätsbetriebes mit dem Virus infiziert, wovon 1.408 als geheilt und 438 als weiter infiziert gelten. Bei den Basis- und Kinderärzten freier Wahl waren insgesamt 53 mit dem Virus infiziert, 40 davon haben die Infektion bereits hinter sich.
Die Impfungen stellen auch in Südtirol ein Licht am Ende des Tunnels dar. Nach dem Personal des Gesundheitswesens steht diese auch den Südtirolern über 80 Jahren, jenen mit chronischen Krankheiten und den Lehrkräften zu. Die folgenden Beiträge und Interviews sollen, trotz einiger nach wie vor bestehender pandemiebedingter Einschränkungen, Eindrücke aus der Praxis festhalten.

Im Gespräch mit Dr. Patrizia Raffl, Ärztin auf der Covid-19-Station des Krankenhauses Meran

Frau Dr. Raffl, Sie arbeiten in der Covid-Abteilung im Meraner Krankenhaus. Wie ist die Situation in Ihrer Abteilung, wie viele Patienten werden dort behandelt?

Wir haben hier im Krankenhaus Meran drei Abteilungen und eine Intensivstation für Covid-positive Patienten. Im Durchschnitt waren auf der Normalstation von den 50 verfügbaren Betten 40 bis 45 durchgehend besetzt, auf der Intensivstation haben sich in den letzten Tagen die Betten gefüllt. Aktuell (das Interview fand am 3. Februar 2021 statt, A.d.R.) sind acht Patienten hier, das heißt die Intensivstation, die neun Betten umfasst, ist fast komplett belegt. Um Weihnachten gab es eine leichte Erholung mit weniger stationär aufgenommenen Patienten, ab Jänner lässt sich eine kontinuierliche Steigerung feststellen. Man muss dazusagen, dass die Patienten, die bei uns in der Ersten Hilfe vorstellig und dann aufgenommen werden, durchschnittlich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand sind. Sie brauchen häufig Sauerstoff, haben ziemlich viele Komplikationen, thromboembolische Ereignisse, Lungenembolien und so weiter und sind von der Betreuung her sehr komplex.

Wie hoch ist derzeit die Arbeitsbelastung für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen?

Die Arbeitsbelastung ist nach wie vor sehr hoch, die Ärzte müssen viele Nachtdienste und Wochenenddienste absolvieren, die Pfleger sind seit einem Jahr, mehr oder weniger, in der Betreuung der Covid-positiven Patienten sehr involviert. Ich glaube, das Personal ist so langsam wirklich müde, es ist schwierig das Personal zu motivieren weiterzumachen. Natürlich werden wir weitermachen, aber es ist eine wirklich belastende Situation.

Die Pandemie dauert nun bereits ein Jahr an. Wie haben Sie als Ärztin an vorderster Front bisher die Pandemie erlebt?

Ich kann mich noch genau an die Zeit erinnern, in der die Covid-19-Infektionen aus China und der Lombardei berichtet wurden – und nichtsdestotrotz, bevor es nicht auch bei uns die ersten positiven Fälle gegeben hat, habe ich mir gedacht das ist relativ weit entfernt und es betrifft uns nicht. Dann ist es Anfang März sehr schnell gegangen: Es wurde hier im Krankenhaus Meran die Intensivstation für Covid-19-positive Patienten eröffnet und ein paar Tage später bekamen wir den Auftrag, unsere Rehabilitationsstation zu räumen und hier eine Isolierstation für Covid-19-Verdachtsfälle zu eröffnen. Konsekutiv wurden dann 35 Betten für Covid-Patienten eingerichtet, Personal musste eingelernt werden, es musste Schutzausrüstung organisiert werden, es mussten Weiterbildungen für das Personal auf die Füße gestellt werden, wo gezeigt wurde wie man sich richtig mit der Ausrüstung schützt. Es war alles zu organisieren und es gab sehr viel Personal, das in diesen Monaten 200 bis 300 Überstunden gemacht hat. Am Anfang war es ein Notzustand, man hat sich gedacht es hält zwei, drei Monate an, dann wird das Schlimmste vorüber sein … Mittlerweile sind wir bei fast einem Jahr angelangt. Ich glaube, wir sind langsam auch etwas müde.

Könnten Sie uns kurz beschreiben, welche bisher die schwierigsten Momente (menschlich und beruflich gesehen) für Sie waren?

Für mich war es am Anfang sehr schwierig: Ich hatte gleich am Anfang im März 2020 in der Familie und auch im beruflichen Leben Kontaktpersonen, die sich infiziert haben und wo natürlich dann auch bei mir die Angst herrschte, dass ich mich angesteckt hätte. Ich habe dann, genau so wie andere Mitarbeiter hier im Krankhaus, entschieden, in dieser ersten Zeit nicht zu Hause zu wohnen, damit ich das Virus nicht mit nach Hause nehme. Das war natürlich schon schwierig: Den ganzen Tag zu arbeiten und dann den Kontakt zur Familie nur mehr über das Smartphone zu pflegen. Es war eine irgendwie unwirkliche Situation.

Gibt es im Kampf gegen das Coronavirus auch positive Momente?

Das Positive war sicher die Dankbarkeit der Patienten, die wir gut betreuen konnten. Auch die positiven wertschätzenden Äußerungen der Verwandten, mit denen wir immer versucht haben in Kontakt zu bleiben und sie zu unterrichten, wie es ihren Angehörigen im Krankenhaus geht. Es war aber auch der große Zusammenhalt innerhalb des Personals: die Pfleger und die Ärzte, die aus freien Stücken sich entschieden haben in dieser Notsituation mitzuhelfen. Es war ein großer Austausch und ein großer Zusammenhalt, das hat sehr viel Energie und Motivation gegeben.

Ist die Impfung, Ihrer Meinung nach, eine entscheidende Lösung, um die Pandemie zu stoppen?

Ich hoffe es. Was man schon gesehen hat: Die Impfung hilft einem Menschen, der sich mit dem Sars-Cov-2-Virus ansteckt, einen leichteren Verlauf zu erlauben, das heißt wenn man sich ansteckt hat man nicht so viele Symptome. Ich glaube die Hoffnung für die Zukunft ist schon auch die, dass die Impfung so weit entwickelt wird, dass man auch das Coronavirus dann nicht mehr übertragen kann. Die Vorbeugung ist immer noch die beste Therapie. Ich komme aus der Rehabilitation, wo ich Menschen behandle und begleite, die einen Schaden bereits erlitten haben und denen man versucht, wieder möglichst viel Autonomie und Lebensqualität zu geben. Aber nichtsdestotrotz glaube ich, dass die Vorbeugung die beste Therapie ist. Alles was man vermeiden kann, muss man dann nicht mehr behandeln.

Gibt es etwas, das Sie zu den bisher angesprochenen Themen ergänzen möchten?

Mittlerweile sind wir alle ein bisschen müde von dieser Notsituation und dass Covid-19 unsere Lebensbereiche beeinträchtigt. Aber nichtsdestotrotz kommen immer wieder Menschen, die sich infiziert haben und die in einem schlechten Zustand sind, hier ins Krankenhaus, müssen behandelt werden, haben Langzeitschäden, sterben. Deshalb würde ich bitten, dass wir weiterhin alle gemeinsam uns an die Regeln halten, die vorgegeben werden. Es ist für niemanden einfach, auch für die Entscheidungsträger nicht. Aber ich glaube, gemeinsam können wir diese Situation meistern, man weiß nicht wann, aber irgendwann werden wir sicher aus dieser Krise herauskommen.

 

Die Covid-Station des Meraner Krankenhauses hat sich, auch auf Initiative von Dr. Patrizia Raffl, mit einem Video an der Jerusalema Challenge beteiligt. Das Meraner Video wurde online zum Renner und kann auf den Plattformen Vimeo und Youtube angeschaut werden. „Das war eine Spontanaktion, “, sagt Dr. Raffl, „nachdem ich mit einigen Kolleginnen gesprochen hatte, haben wir das gemeinsam mit einer Videoproduktionsfirma innerhalb weniger Tage auf die Beine gestellt. Das war ein schöner Moment, in dem wir alle zusammengearbeitet und die uns noch mehr als Team zusammengeschweißt hat.“

Einer der bedeutendsten Aspekte der Pandemiebekämpfung ist jener der schnellen und zuverlässigen Durchführung von PCR-Tests. Eine entscheidende Rolle kommt dabei dem Labor für Mikrobiologie und Virologie des Südtiroler Sanitätsbetriebes zu. Das Labor mit Sitz in der Bozner Amba-Alagi-Straße wird von Elisabetta Pagani geleitet. Beim Gespräch in Paganis Büro fällt der Blick auf das Hintergrundbild ihres PCs, das die Laborleiterin beim Zieleinlauf des Berlin Marathons zeigt. Genau diese Ausdauer haben Elisabetta Pagani und ihr Team auch bei ihrem Kampf gegen das Virus unter Beweis gestellt.

 

Dr. Pagani, seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Sars-Cov2-Virus?

Unsere Arbeit begann bereits am 20. Jänner 2020, rund ein Monat bevor es in Italien die ersten bestätigten Covid-19-Fälle gab. Damals hat das ISS (Istituto Superiore di Sanità, das oberste wissenschaftliche Gremium des italienischen Gesundheitswesens, A.d.R.) uns darauf hingewiesen, uns organisatorisch darauf vorbereiten müssten, künftig auch am Sars-Cov2-Virus zu forschen. Es ging ab diesem Moment darum, spezielle molekularbiologische Methoden auszumachen und umzusetzen, die nach dem Vorhandensein des viralen RNA-Genoms und damit nach Sars-Cov2 suchen. Das war unser erster Kontakt mit dem Virus und es war alles andere als einfach, zumal es dazu kaum Unterlagen gab, abgesehen von den Protokollen renommierter Forschungseinrichtungen wie dem deutschen Robert Koch Institut, den US-amerikanischen CDC (Centers for Disease Control and Prevention). Anfangs hatten wir auch das Problem, für genügend Reagenzien und weitere nötige Materialien zur Durchführung der Analysen zu sorgen, zudem musste das Fachpersonal aufgestockt werden und es galt die Einsendung von Proben aus benachbarten Laboren zu organisieren. Die Molekularbiologie ist ein sehr spezialisierter Bereich. Es gibt in den Gesundheitsbezirken mikrobiologische Labore, die wichtige Basisleistungen erbringen, doch die Molekularbiologie ist auf unser Zentrallabor konzentriert. Somit mussten wir zunächst Grundsatzentscheidungen treffen, wer was macht. Wir haben dies gemacht mit dem Wissen, dass es einen großen Bedarf an hochspezialisiertem Personal gibt, das rund um die Uhr verfügbar sein muss. Es ging also darum, sich sowohl im Hinblick auf die Diagnostik als auch der strategischen Zusammenarbeit von Bezirkslaboren und dem Zentrallabor zu organisieren.

In Ihrem Labor ist mittlerweile eine intensive Analysetätigkeit Tagesprogramm…

Die Anzahl der täglich analysierten Proben ist nicht gleichbleibend, wir bewegen uns immer zwischen 1.300 bis 1.500 bis hin zu 3.000 PCR-Tests am Tag. Bisher war unsere Tageshöchstleistung die Auswertung von 4.036 Proben. Wir können hier auch auf einige konventionierte Labore zurückgreifen, da wir zum Teil personell an unsere Grenzen stoßen, obwohl wir rein von den Instrumenten und dem restlichen nötigen Material gut aufgestellt sind. Die Stellen wurden zwar im Stellenplan bereits vorgesehen und auch ausgeschrieben. Aufgrund der Pflicht zur Zweisprachigkeit bleiben gar einige Mitarbeiter aber nur so lange, bis sie anderswo einen ähnlichen, fixen Arbeitsplatz finden. Das ist unser großes Problem in einer Zeit, wo alle Welt spezialisierte Fachkräfte dringend benötigt.

Welche Aspekte der Pandemie bereiten Ihnen derzeit am meisten Sorgen?

Ich sorge mich derzeit vor allem um meine Mitarbeiter, um meine Kollegen im Krankenhaus und außerhalb. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie stelle ich überall eine große Müdigkeit fest. Dennoch gelingt es uns, die Stimmung ruhig, produktiv und nach vorne gerichtet zu halten. Allerdings sind manche Rhythmen, manche psychologisch belastende Situationen nur für einen bestimmten Zeitraum bewältigbar. Der Personalmangel verhindert leider, dass man genügend freie Zeit hat, um sich wirklich zu erholen. Mich besorgt aber auch ein anderer Aspekt: Dieses generelle Anzweifeln oder besser Nicht-Anerkennen der Autorität der Fachleute. Oftmals wird Informationen aus den Sozialen Medien und dem Internet im Allgemeinen mehr Glauben geschenkt, als den Fachleuten. Viele Menschen haben Schwierigkeiten zu verstehen, was momentan wirklich passiert. Andererseits sind die Expertinnen und Experten oftmals so sehr eingespannt, dass sie sich nicht genügend Zeit haben, um wichtige Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln.

 

Welche Bedeutung hat in Ihren Augen die Durchführung von Massentests?

Mit den Massentests gelingt es, das Virus, das sich oftmals sehr gut versteckt, auszumachen und einzugrenzen. Jemand mit Symptomen, oder jemand der befürchtet Symptome von Covid-19 zu haben, wendet sich unmittelbar an das Krankenhaus oder an seinen/ihren Arzt. Das Virus aber verbreitet sich aber auch in Menschen, die keine Symptome verspüren, die dann natürlich ihrem Alltag nachgehen, ohne daran zu denken infiziert zu sein. Wenn man sich dabei an sämtliche Abstands- und Hygieneregeln haltet, müsste es gelingen die Ansteckung zu unterbrechen. Allerdings ist dem nicht so. Durch die Massentests schaffen wir es vor allem asymptomatische Patienten herauszufiltern und somit der Infektion Einhalt zu gewähren.

Wie bewerten Sie die Corona-Impfung? Kann dies ein Weg sein, um die Pandemie zu beenden?

Die Impfung ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit, darüber besteht kein Zweifel. Sie hat eine grundlegende und wesentliche Rolle. Dies ist keine Frage der Meinung, sondern der wissenschaftlichen Belege. Klinische Studien zeigen, dass die Wirksamkeit sehr hoch ist. Die Impfung ist die einzige wirksame Waffe, mit der wir momentan dem Virus begegnen können. Dessen müssen wir uns bewusst sein: Das Einhalten der geltenden Schutzmaßnahmen ist nicht immer einfach. Die Impfung wird wirksamer sein, je mehr Menschen sich impfen lassen. Das hängt von jedem einzelnen von uns ab! Viele Menschen fragen mich und andere Experten ob eine Impfung sinnvoll und wirkungsvoll ist. Und ich antworte darauf: Ja, sie ist wirksam, das haben viele Studien bereits bewiesen. Man muss hier den Fachleuten einfach mehr Vertrauen und Gehör schenken. Der Erfolg der Impfung hängt davon ab, wie viele Leute sich impfen lassen. Um eine „Mauer“ gegen das Virus zu errichten ist es somit wichtig, so viele Menschen wie möglich so schnell wie möglich impfen zu lassen. Eine ineffiziente Impfung kann leider einen Anstoß zu neuen Variationen und Mutanten des Virus führen. Darum braucht es nun eine große Impfbereitschaft vonseiten der Bevölkerung. Die derzeit verfügbaren Impfungen sind mehr als sicher, wissenschaftlich gesehen sind sie außergewöhnlich – das sage ich als ehemalige Forscherin. Dass wir innerhalb eines Jahres auf solch effiziente Impfstoffe zurückgreifen können, ist ein großartiges Ergebnis der Forschung. Dieses kam durch die weltweite Zusammenarbeit aller Forscher und enormer Investitionen zustande. Die Forschung hat hier gezeigt was sie kann und hat ihr Bestes gegeben, ich bin froh dass erste Studien und Daten aus Israel dies untermauern.

Im Gespräch mit Dr. Patrick Franzoni, Projektleiter von „Südtirol testet“

Dr. Franzoni, Sie sind zuständig für das Projekt „Südtirol testet“. Könnten Sie uns die Ziele des Projektes und den Stand der Dinge erläutern?

Im November 2020 haben wir festgestellt, dass eine riesige Last auf die Krankenhäuser entsteht, mit den Aufnahmen, im Intensivbereich im Normalbettenbereich und in den Privatkliniken. Dadurch hat man, auf Anregung von Landesrat Thomas Widmann und Generaldirektor Florian Zerzer, entschlossen, etwas durchzuführen, das vorher noch niemand gemacht hat: Ein flächendeckendes Screening der ganzen Bevölkerung mit dem Antigen-Schnelltest, um zu schauen, wie die Situation ist. In drei Tagen hat man dies gemacht, vom 20. bis 22. November, 367.000 Mitbewohnerinnen und -bewohner haben sich beteiligt: Das ist ein hervorragendes Ziel! 3.600 asymptomatisch Positive hat man identifiziert, diese hätten sicherlich die Übertragungskette weitertragen. Was mich am meisten freut, ist dass die Überlastung der Krankenhäuser deutlich zurückgegangen ist, die Situation ist so zu sagen wieder unter Kontrolle. Wir haben im Anschluss daran das Südtirol Monitoring aufgebaut, dabei werden 4.000 Personen aus unterschiedlichen Gemeinden, die vom ASTAT ausgesucht wurden und die freiwillig ihre Teilnahme zusagen konnten, 900 Leute aus den Schulen, 1.000 Studierende jede Woche einem Antigen-Schnelltest unterzogen. Daran sieht man dann im ganzen Land, wie die Zahlen sich bewegen. Zudem haben wir noch Freiwillige, die sich daran beteiligen, und ich finde es unglaublich, wie viele Leute sich da spontan bereitgezeigt haben, mitzumachen. Diese Schnelltests agieren wie Fühler, die zeigen, wo und wann es ein Problem gibt. Dank dieses Südtirol Monitorings haben wir dann Gemeinden identifiziert, wo die Zahlen etwas höher waren bzw. wo Bewegung war. Dort hat man dann angefangen zu testen: in Bruneck, weiteren Gemeinden im Pustertal, im Passeiertal und im Vinschgau. Auch dabei hat man immer wieder asymptomatisch positive Patienten identifiziert, hat sie sozusagen dann isoliert. Dank dieses Verhaltens haben wir eine Situation, die im Vergleich zu anderen Zonen (z.B. dem Trentino) besser ist. Unsere Intensivbetten sind nicht überlastet, unsere Zahlen sind im Moment sehr zufriedenstellend. Ein Problem ist, dass es neue Virusvarianten gibt, die britische, die südafrikanische, die brasilianische – es wird leider noch viele geben, weil das Virus ständig mutiert, das ist eine Voraussetzung von diesen RNA-Virussen. Wenn das Virus einen Vorteil hat, wird es sich logischerweise auch schneller verbreiten. Darum sind die Maßnahmen oder Empfehlungen zum Tragen von FFP2-Masken, die das Land oder der Landeshauptmann getroffen haben, schon ein Vorbeugen, um diese erhöhte Ansteckung wieder zu senken.

Wie beurteilen Sie die Akzeptanz der von der Landesregierung getroffenen Maßnahmen durch die Bevölkerung? Sehen Sie Bereiche, in denen die Bevölkerung besser mithelfen könnte?

Die Akzeptanz ist immer sehr hoch gewesen, die Bevölkerung hat immer mitgemacht – das hat man auch beim flächendeckenden Test gesehen: 367.000 Leute, die mitgemacht haben, das ist eigentlich unglaublich! Bei vergleichbaren Tests in Liverpool in England oder auch in Österreich ist man nicht über zehn Prozent Beteiligung gekommen. Auf der anderen Seite muss ich auch sagen: Die normalen Maßnahmen, wie die Handhygiene, der Abstand und die Maske, die werden auch grundsätzlich gut mitgetragen. Es gibt logischerweise auch Leute, die dies absolut nicht akzeptieren. Das sieht man auch, wenn man unsere Datenauswertung der Massentests anschaut: Ein Leck gibt es vor allem bei der Bevölkerung zwischen zehn und 29 Jahren, die kommen nicht zum Testen. Sie haben Angst, dass sie positiv sind, dass sie isoliert werden und dann nicht mehr zur Arbeit oder in die Schule gehen dürfen. Das ist schade, weil sie dadurch die Eltern und sich selbst in Gefahr bringen – weil das Virus ist und bleibt gefährlich, nicht nur im Alter, sondern auch für jüngere Leute. Bei uns auf der Intensivstation liegen auch viele junge Patienten: Sie haben es geschafft, aber trotzdem ist das eine beeindruckende Krankheit.

Können Sie kurz erläutern, welche die für Sie schwierigste Situation in diesem Pandemiejahr war? Und welches waren die positiven Momente im Kampf gegen das Virus?

Ich muss sagen, der beeindruckendste Moment war der, als der erste positive Patient in Südtirol getestet wurde, der Patient Nr. 1 aus Terlan. Da hat es zum Glück schon die Task Force gegeben, die von Generaldirektor Zerzer und Landesrat Widmann ins Leben gerufen wurde. Es wurde bereits täglich monitoriert. Mein ehemaliger Universitätsprofessor, ein Primar in Brescia hat mich angerufen und gewarnt, dass bei ihnen bereits eine ganz, ganz schlimme Situation herrscht, mit 80-90 Krankenhausaufnahmen an nur einem Wochenende. Ich muss ehrlich sagen, ich habe ihm seine Warnung so halb geglaubt, aber wir haben uns aktiviert. Aber dann, eine Woche später, hatte ich Nachtdienst als Notarzt, da habe ich zwei Patienten von der Intensivstation Bozen nach Meran gebracht: Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann wirklich gespürt, was da los ist.

Ein guter Moment ist der gewesen, als dank Generaldirektor Zerzer die medizinische Einsatzleitung Covid-19 ins Leben gerufen worden ist. Dort hat man nämlich gesehen, dass die Zusammenarbeit zwischen den sieben Krankenhäusern, mit täglichem Austausch, mit Evaluierung der Patienten, der Strategien, der Therapien, der Betten, dass dies die einzige Antwort war, um einer Pandemie entgegenzutreten. Es war unglaublich, wie Synergien entstanden sind. Man hat gesehen, wie alle, das ganze Personal, in die gleiche Richtung gezogen haben und dann Ende April, Anfang Mai hat man wieder etwas mehr Licht gesehen. Leider aber ist das Virus ein Virus, es ist so geblieben wie es war – darum hat es im September, Oktober wieder angefangen. Die Zahlen haben zugenommen, die Leute haben zunächst vielleicht nicht ganz verstanden was da los ist und vielleicht auch die Maßnahmen nicht mehr ganz so ernst genommen. Ich muss sagen: Ein Jahr ist eine lange Zeit, das ist sehr, sehr schwierig für jeden von uns – nicht nur im sanitären Bereich, auch für die Bürgerinnen und Bürger.

Was möchten Sie dem Personal des Gesundheitswesens sagen?

Ich hätte mir nie gedacht, dass ich meine Tätigkeit als Arzt in einer Pandemie durchführen muss. Ich glaube das hat niemand von uns, niemand im Sanitätswesen, kein Pfleger, Arzt, Pflegehelfer, auch nicht das Verwaltungspersonal gedacht. Niemand hat sich diese Situation ausgesucht. Es ist ein langer Weg, zum Glück sehen wir jetzt endlich wieder ein Licht am Ende des Tunnels. Darum meine ehrliche Empfehlung: Impfen, Impfen, Impfen! Desto schneller, desto besser. Weil: Desto mehr man impft ist, desto weniger ist die Wahrscheinlichkeit, dass die neuen Virusvarianten sich verbreiten können. Und man hofft dann in eine sozusagen ruhigere neue Welt übergehen zu können, die sich sicher stark verändert hat im Gegensatz dazu wie es früher war.

 

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